
Zwischen Himmel und Hölle – Hochalpen
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AlpenMotorradregion Alpen119 Strecken · 119 Pässe
Der Motorrad-Guide in den Alpen: die besten Strecken, Touren, Streckensperrungen, Sehenswürdigkeiten und Anreise.
Die Alpen sind Europas dichtestes Netz hochalpiner Passstraßen. Der Gebirgsbogen zieht sich über rund 1200 Kilometer vom Ligurischen Meer bis an den Rand des Pannonischen Beckens und verteilt sich auf acht Staaten: Frankreich, Monaco, Italien, die Schweiz, Liechtenstein, Deutschland, Österreich und Slowenien. Auf etwa 200.000 Quadratkilometern stapeln sich Viertausender, tief eingeschnittene Täler und Straßen, die bis über 2700 Meter hinaufführen. Der Mont Blanc markiert mit rund 4806 Metern den höchsten Punkt. Fürs Motorrad zählt weniger der Gipfel als das, was zwischen den Tälern liegt: die Übergänge.

Der Pass ist die Grundeinheit dieses Reviers. Eine Passstraße gewinnt in wenigen Kilometern mehrere Hundert Höhenmeter, gestaffelt in Kehren, die eng aufeinanderfolgen und den Takt vorgeben — anbremsen, umlegen, aufrichten, das Ganze zwei Dutzend Mal hintereinander. Zwischen den Serpentinenpaketen liegen schnelle Hangquerungen, auf denen die Trasse mit langen Radien an der Bergflanke entlangzieht. Wer eine Alpenachse fährt, wechselt fortlaufend zwischen diesen beiden Charakteren. Die Höhe verändert dabei alles: dünnere Luft, kühlere Temperaturen und ein Licht, das mit jedem Höhenmeter härter wird. Auch der Untergrund spielt mit — von frisch überzogenen Hochalpenstraßen bis zu rauem, ausgewaschenem Belag an weniger befahrenen Übergängen, dazu enge Randbereiche, Weidezäune und Vieh auf freien Almflächen.
Österreich hat die Hochalpenstraße zum eigenen Genre gemacht. Die Großglockner-Hochalpenstraße verbindet auf 47,8 Kilometern Bruck im Salzburger Land mit Heiligenblut in Kärnten; ihr Scheitel liegt am Hochtor auf 2504 Metern, der Abstecher zur Edelweißspitze führt auf 2571 Meter, den höchsten mit dem Motorrad erreichbaren Punkt der Strecke. Weiter westlich schiebt sich das Timmelsjoch auf 2474 Meter über den Alpenhauptkamm und bildet zugleich den höchsten Straßen-Grenzübergang Österreichs, zwischen dem Ötztal und dem Südtiroler Passeiertal. Beide sind eigens angelegte Mautstraßen mit breitem Belag und klarer Linienführung, kein historischer Saumpfad.
Ganz anders die Dolomiten. Hier steht nicht die Höhe im Vordergrund, sondern die Kulisse aus senkrechten Kalkwänden, die seit 2009 zum UNESCO-Welterbe zählen. Rund um die Sellagruppe legt die Sellaronda vier Übergänge zu einer Runde zusammen: Pordoijoch (2239 m), Sellajoch (2218 m), Grödner Joch (2121 m) und den Campolongo-Sattel. Das Pordoijoch ist der höchste davon und über die Große Dolomitenstraße (SS48) erschlossen, die von Bozen bis nach Cortina d'Ampezzo führt und zu den bekanntesten Panoramaachsen der Ostalpen zählt. Die Serpentinen sind kürzer und enger gestaffelt als auf den großen Hochalpenstraßen, dafür reiht sich Pass an Pass, ohne lange Talfahrten dazwischen. Das macht die Runde um die Sellagruppe an schönen Tagen zu einer der am dichtesten befahrenen Motorradstrecken der Alpen — an Kammlagen und Fotopunkten muss man mit vollen Parkbuchten rechnen.

Den Ruf des Königspasses trägt das Stilfser Joch (italienisch Passo dello Stelvio). Mit 2757 Metern ist es der höchste über eine asphaltierte Straße erschlossene Gebirgspass Italiens und nach dem Col de l'Iseran der zweithöchste der gesamten Alpen. Von Prad am Stilfserjoch im Vinschgau steigt die SS38 in 48 durchnummerierten Kehren zur Passhöhe, auf der Gegenseite fällt sie nach Bormio ins Veltlin ab. Die schiere Zahl eng gewickelter Serpentinen macht die Nordrampe zu einem der meistfotografierten Straßenbilder der Alpen — und die Höhenluft zu einer echten Prüfung für Fahrer und Kühlung.
Die Schweizer Zentralalpen bündeln mehrere Übergänge zu einer geschlossenen Schleife. Furka (2429 m), Grimsel (2163 m) und Susten (2224 m) lassen sich an einem Tag zu einer Drei-Pässe-Fahrt verketten, die zwischen den Kantonen Uri, Bern und Wallis pendelt. An der Westrampe der Furka liegt auf 2272 Metern der Rhonegletscher, aus dem die Rhone entspringt — einer der am leichtesten von der Straße aus erreichbaren Gletscher der Schweiz. Die Schweizer Pässe sind sauber trassiert, oft mit Natursteinmauern gefasst, und der Belag ist griffig. Der Susten gehört mit seinen 45 Kilometern und dem Bau zwischen 1938 und 1945 zu den jüngeren und großzügig angelegten Übergängen; im Talort Innertkirchen treffen die Straßen von Susten und Grimsel wieder zusammen, sodass sich die drei Pässe ohne Rückweg zu einer Runde verbinden lassen.
Im Westen, in den französischen Savoyer Alpen, steht der höchste asphaltierte Pass des ganzen Gebirges: der Col de l'Iseran mit 2764 Metern. Er verbindet das nördliche Tarentaise-Tal um Val-d'Isère mit dem südlichen Maurienne-Tal bei Bonneval-sur-Arc und liegt so hoch, dass er nur wenige Monate im Jahr frei ist. Die Westalpen fahren sich weiträumiger als die Ostalpen: längere Auffahrten, weitere Radien, karge Hochflächen statt dichter Waldstaffelung. Zusammen mit den italienischen und schweizerischen Übergängen ergibt das ein Revier, in dem sich der Streckencharakter über wenige Fahrstunden komplett wandelt.

Was das Revier über alle Ländergrenzen hinweg zusammenhält, ist der Höhenwechsel. Wer im Tal bei sommerlicher Wärme startet, steht auf der Passhöhe rasch zehn bis fünfzehn Grad kühler im Wind — der Temperatursturz gehört zum Alpenfahren dazu und lässt sich mit anpassbarer Kleidung gut steuern. Das Gebirge macht sein eigenes Wetter: vormittags klare Fernsicht über die Ketten, nachmittags häufiger Quellwolken und kurze Schauer, danach oft wieder Aufklaren. Die Hauptsaison reicht grob von Ende Mai bis in den Oktober, solange die hohen Übergänge schneefrei sind. In diesem Fenster reihen sich auf engem Raum so viele benannte Passhöhen, Kammlagen und Panoramaachsen aneinander wie in kaum einer anderen Region Europas — das macht die Alpen zum Kernrevier des europäischen Tourenmotorrads.
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